26.11.2016

Projektabschluss in Kassel

Sind wir noch eine Institution oder schon eine Familie? Die Grenzen bei der Arbeit als Pädagogin oder Pädagoge in Familienanalogen Angeboten sind fließend...


v.l.: Dr. Christian Peter, Prof. Dr. Manfred Kappeler, Prof. Dr. Werner Thole, Prof. Dr. Theresia Höynck, Dr. Daniela Reimer

v.l.: Norbert Struck, Prof. Dr. Werner Thole, Felizia Bibelhausen, Anne Bretthauer, Maximilian Schäfer, Prof. Dr. Werner Thole, Dr. Christian Peter, Prof. Dr. Christian Schrapper, Dr. Nicole Rosenbauer, Dr. Daniela Reimer

55 Teilnehmer*innen aus Wissenschaft und Praxis wohnten der Veranstaltung bei...

...umso wichtiger ist es, dieses Praxisfeld und die Spannungen, die sich aus dem Konflikt zwischen konstruierter familiärer Nähe und professioneller Distanz ergeben, wissenschaftlich zu untersuchen und Chancen sowie Risiken aufzudecken.

Nach drei Jahren intensiver wissenschaftlicher Arbeit, in denen 12 familienanaloge Einrichtungen und 4 Wohngruppen der Outlaw gGmbH und anderer Träger den Wissenschaftler*innen der Universität Kassel ihre Türen geöffnet haben und ihre Arbeit vollständig transparent machten, liegen nun die Ergebnisse der Studie "Zwischen Institution und Familie - Muster des Deutens
und Handelns im Rahmen stationärer Unterbringung in familienähnlichen Betreuungsformen“ vor, die am 25. November den ca. 50 Interessierten aus Wissenschaft und Praxis der Kinder- und Jugendhilfe im Senatssaal der Universität Kassel vorgestellt wurden.

Die zentralen Befunde der Studie beschreiben sehr detailliert die Uneinheitlichkeit und Vielfalt der familienanalogen Betreuungsformen, die Diversität bei der Alltagsgestaltung, sowie die pädagogische Kernpraxis als thematisch potentiell allumfassendes Sorgen. Weiterhin wurden die expliziten Familienthematisierungen beleuchtet, ebenso wie die sehr differenzierten Nähe-Distanz-Relationen und -Regulationen, die vorzufinden waren. „Der inhaltliche Schwerpunkt der Veranstaltung lag jedoch auf den mehrdimensionalen Mustern alltäglicher Produktion von Uneindeutigkeit des Arrangements", so Maximilian Schäfer, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Projektes. Auch zentrale Befunde über die Umgangsweisen mit der Chiffre „Familie" wurden vorgestellt und rege diskutiert.

Ein weiteres Hauptaugenmerk der Untersuchungen lag auf  dem Schutz der Kinder, wie in einer Stellungnahme von Bernd Hemker, Geschäftsführer der Ombudschaft Jugendhilfe NRW und Fachreferent für Erziehungshilfen beim Paritätischen NRW, zum Projekt deutlich wird: „Abgeschottete professionelle Familiensysteme im Rahmen institutioneller Erziehung mit wenig strukturierter Leitung können unter machtstrukturellen Gesichtspunkten ein Risiko für die betreuten jungen Menschen beinhalten." Marco Matthes, Leites des Projektes zIF, dazu: „Das Thema Macht in familenanalogen Wohnformen hat uns im Laufe des Projektes immer wieder begleitet. Einige Ergebnisse hierzu wurden bereits auf dem Bundeskongress Soziale Arbeit 2015 unter der Überschrift „Normsetzungen der Beherrschten – Wie Betreute in stationären Erziehungshilfesettings die Betreuenden sanktionieren“ ausführlich vorgestellt. Auch der Vergleich mit anderen Betreuungsformen und deren unterschiedliche Wirksamkeit sollen Rückschlüsse auf die Sinnhaftigkeit der familienanalogen Angebote als besondere Form der Hilfe zur Erziehung zulassen.

Das Projekt wurde aus einer Förderung der Aktion Mensch, sowie aus Eigenmitteln der Outlaw gGmbH finanziert. "Wir haben einen hohen Qualitätsanspruch an die Familienanalogen Angebote, die unter unserer Trägerschaft arbeiten", so Marco Matthes. "Mit unserem Beitrag zur Forschung hilft Outlaw, die familienanalogen Angebote qualitativ weiterzuentwickeln, den Schutz und die Beteiligung der Kinder und Jugendlichen sicherzustellen, bringt gleichzeitig den Pädagoginnen und Pädagogen, die tagtäglich aufs Neue ihre Kraft und ihren Einsatz der pädagogischen Arbeit und damit den Kindern und Jugendlichen widmen, auch eine Wertschätzung ihrer Leistung entgegen. Das Projekt hat einen dunklen Fleck auf der Landkarte der sozialpädagogischen Forschung erhellt und konnte an verschiedenen Stellen empirisch belegt nachweisen, was schon seit längerer Zeit vermutet wird. Die Praxisnähe des Projektes stellt eine hohe Anschlussfähigkeit auch für die pädagogischen Fachkräfte sicher. Fallstricke und Herausforderungen in der familienanalogen Arbeit sind klar benannt und analysiert worden. Nun ist es an der Praxis, die Ergebnisse zu rezipieren und mit ihnen umzugehen."

In einem Gutachten hat das Landesjugendamt Westfalen (Landschaftsverband Westfalen-Lippe) folgende Erwartung an das Projekt formuliert: „Die Absicht hier im Vergleich zu anderen Betreuungsformen zu forschen und die aus der Forschung gewonnenen Ergebnisse den pädagogischen Praktikern […] zu vermitteln wird die tägliche Arbeit in der stationären Erziehungshilfe bereichern und im Hilfeplanverfahren die Entscheidungsfindung im Einzelfall erleichtern.“ „Ich bin mir sicher, dass das Projekt diese Erwartung in jeder Hinsicht erfüllt.“ betont Marco Matthes.

Im Frühjahr 2017 sind, auch nach dem eigentlichen Projekabschluss, bereits weitere Veranstaltungen geplant, den Praktiker*innen des Feldes die Forschungsergebnisse noch näher zu bringen. So werden Maximilian Schäfer und Marco Matthes die zentralen Befunde des Projektes auf zwei Regionaltagungen für Familienanaloge Angebote gemeinsam mit den Projektbetreiber*innen reflektieren und diskutieren.